Rezensionen


Hier findet ihr verschiedene Rezensionen von Alben aus der Mittelalter-Szene
 
Corvus Corax - Gimlie


Corvus Corax Gimlie CD-Cover
              • Die Seherin (Intro)
              • Gimlie
              • Unicornis
              • Der Schrei
              • Königinnen werden ihr neiden
              • Derdríu
              • Grendel
              • Béowulf is mín nama
              • Sigeléasne sang
              • Intro Crenaid Brain
              • Crenaid Brain
              • Twilight of the Thunder God
              • Krummavísur
              • Twilight of the Thunder God (Hymnus)

Der Ausflug in die nordische Mythologie geht weiter – mit dem Konzept-Nachfolger zu „Sverker“ stellen Corvus Corax ihr neuestes Werk „Gimlie“ vor. Nachdem sie zum Endes des Albums „Sverker“ die Welt im „Ragnarök“ haben untergehen lassen, ersteht sie nun im Paradies wieder auf und folgt das in der Völuspa beschriebene goldene Zeitalter, das Gimlie.

Mit 13 mystischen Stücken lassen die „Könige der Spielleute“ den Hörer eintauchen in die Welt der nordischen Sagen und erzählen in altenglisch, -isländisch, -sächsisch, -nordisch, latein und gälisch über Mythen und Einhörner. Damit man auch verstehen kann, was da besungen wird, haben die Spielleute die Texte mit Übersetzung auf ihre Homepage gesetzt: www.corvuscorax.de/cc/musik/gimlie 

Hervorstechend sind die in zwei Trilogien verpackte Geschichte von der irischen Bardentochter, deren Schönheit ihr zum Fluch wird („Der Schrei“, „Königinnen werden ihr neiden“ und „Derdríu“) und die bekannte Saga von Beowulf („Grendel“, „Béowulf is mín nama“ und „Sigeléasne sang“). Und wie es sich für anständige Raben gehört, werden den schwarzen Vögeln auch zwei Titel gewidmet, in denen sie über die Toten auf dem Schlachtfeld und einen Hammelkadaver herfallen – das isländische Traditional „Krummavísur“ und das irish-folkige „Crenaid Brain“ dessen erste Takte des Refrains entfernt an „In Taberna“ erinnern. 

Entsprechend der paradiesischen Thematik vermitteln die meisten Melodien des Albums eine heitere, fröhliche Stimmung. Sogar dem Auftritt von Grendel und dem Leichenschmaus der Raben fehlen die düstere Schwere, die man von vielen anderen Titeln der Spielleute gewohnt ist. Lediglich das Intro und der Siegesgesang auf Beowulf besitzen eine dunklere Klangfarbe. Tanzbar sind die Stücke allemal durch den treibenden und relativ flotten Trommelbeat. Neben den speziellen Corvus-Kreationen wie dem Glockenrad sind die typischen Trommeln und Dudelsäcke natürlich wieder sehr präsent. Aber auch Flöten, Hörner und Streicher kommen wundervoll akzentuiert zum Einsatz. Zusätzlich geben zahlreiche Gastbeiträge den Stücken eine besondere Note, etwa das Harfenspiel von „Omnia“-Sängerin Jenny Evans-van der Harten oder Apassionata-Stimme Arndís Halla Ásgeirsdóttir, die im Intro als „Die Seherin“ gemahnt, den alten Sagen zu lauschen und das Album mit „Krummavísur“ ausklingen lässt.

Eine Überraschung wartet zum Schluss des Albums in Form eines Coversongs der Metal-Band „Amon Amarth“. Im charakteristischen Corvus-Stil haben die Raben ihre eigene Version von „Twilight of the Thunder God“ geschaffen. Dem allerersten Cover in der Bandgeschichte mangelt es dank dem gewohnt guten Einsatz der Instrumente nicht an entsprechender Power und der Song steht daher dem kraftvollen Original in nichts nach. Und sogar an den Growls versucht sich Castus an Anfang und Schluss des Stückes erfolgreich. Tatsächlich finde ich den als Bonustrack erhältlichen Hymnus von „Twilight of the Thunder God“ sogar noch gelungener, da er sich vom Originaltitel deutlicher unterscheidet, schwerer und getragen klingt.

Man muss sich zwar erst ein Weilchen in den zumeist heiteren Sound hineinhören, doch man wird schnell feststellen, dass „Gimlie“ unverkennbar nur ein Corvus Corax-Album sein kann und die Spielleute ihrem Stil auf gelungene und erfrischende Weise treu geblieben sind.

Hendrike Bode

 
Mr. Hurley & die Pulveraffen - Grog'n'Roll

    Mr. Hurley
                • Captain Blake's Logbuch (5. April 1704)
                • Geißel der See
                • Plankentanz
                • 10.000 Miles Away
                • Schiffe, Schätze, Schlampen, Schnaps
                • Captain Blake's Logbuch (23. April 1704)
                • Piratenbraut
                • The Leaving of Liverpool
                • Komm zur Marine
                • Zum sorglosen Goldfasan
                • Bonnie Ship the Diamond
                • Captain Blake's Logbuch (20. Mai 1704)
                • Auf den Captain
                • Küss mich, ich hab' Skorbut
                • Whiskey in the Jarrr
                • Blau wie das Meer (feat. Snorre Snoerkelfrey)
                • Captain Blake's Logbuch (3. Juni 1704)

    Die „Lightning“ segelt wieder. Auf ihrem zweiten Album „Grog'n'Roll“ besingen Mr. Hurley und die Pulveraffen erneut das Piratenleben und die Abenteuer ihres fiktiven Schiffes.

    In den letzten Jahren haben verstärkt Piraten-Bands sowie seemännisches Liedgut die Silberlinge und Planken der Mittelalterbühnen erobert. Ist inzwischen also alles gesagt und besungen? Die Pulveraffen beschreiben es im Booklet treffend – und augenzwinkernd – mit den Worten: „Unser besingbares Themenspektrum ist begrenzt, zugegeben...“ um es sogleich in ihrem Stück „Schiffe, Schätze, Schlampen, Schnaps“ gekonnt zusammen zu fassen. Aber zugegeben – das können sie gut. Denn dabei zeigen die drei Piratenbrüder wie erfrischend man die Themen textlich umsetzen und wie schön man mit Klischees spielen kann. Mit einer ordentlichen Portion Ironie nehmen sie das historische Piratenleben gepflegt auf den Arm und ziehen durch den Kakao, was immer sie finden können – auch sich selbst. Und das ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

    Selbstgeschriebenes Liedgut verquickt sich hier mit Traditionals und altbekannten Shantys, die einfach dazugehören. Im Prinzip nichts, was man nicht schon 100 mal gehört hätte. Dennoch verstehen es die drei Geschwister, den Klassikern eine hauseigene Note zu verleihen, sie in ihre Stücke einzuflechten oder gut tanzbar zu präsentieren, zusätzlich veredelt durch das Mitwirken der Band „Versengold“ wie etwa bei „10.000 Miles away“.

    Mit 13 Songs, vier gesprochenen Passagen des Captains und einem Hidden-Track, den wir an dieser Stelle nicht verraten möchten, kommt das Album auf stattliche 18 Titel. Eintönigkeit braucht man aber bei der Menge und trotz des klar eingegrenzten Themas nicht zu befürchten, denn auf Abwechslung wird geachtet. Zwischen flotten Schifferklaviernummern und tanzbaren Saufliedern finden sich Shantys und Irish Folkige Nummern, Balladen mit verrückten Texten wie „Piratenbraut“ und mit „Küss mich, ich hab' Skorbut“ sogar ein Tango. Und nicht zuletzt sind da noch die genialen Logbücher des Captains, die zwischen den Songs – untermalt von dem Gekritzel einer Schreibfeder und maritimen Geräuschen – von den Nöten und dem alltäglichen Wahnsinn des leidgeplagten Captain Blake erzählen, der unter den Sperenzchen von Mr. Hurley und seinen beiden Spießgesellen zu leiden hat. Kleine Highlights, die man sich immer wieder anhören kann ohne dass sie an Witz verlieren. Das eigentlich Besondere dahinter ist das aus dem Larp übernommene Gesamtkonzept, die erzählte Geschichte. So tauchen stets wiederkehrende Elemente auf: Blackbeard, Affentheater, der fiktive Captain, der sogar in Texten der Traditionals platziert wird.

    Die Herkunft aus dem Larp-Umfeld ist deutlich. Die Texte sind pfiffig, die Melodien von einer minimalistischen Instrumentenauswahl (Akkordeon, Percussion, Flöten, Gitarren) getragen, die Stücke mit piratig-rauchigen Stimmen vorgetragen, wobei die Jungs auch passabel A Capella grölen können. Im Vergleich zu chartplatzierten Scheiben scheint noch gut Luft nach oben – doch muss das sein? Denn es ist genau diese unverschnörkelte Lagerfeuer-Tavernen-Schiffsdeck-Stimmung, die den rauen Charme des Werkes ausmacht. Mehr braucht es nicht, das ist authentisch.

    Dieser kantige Charakter steckt auch in dem Digipack und dem wie ein Logbuch gestalteten Booklet. Dort finden sich alle Songtexte, hübsche Bilder und die gelallten Credits. Unterstützung gab es diesmal wieder durch Snorre und Honza von den befreundeten Mittelalter-Folkern „Versengold“, die vereinzelt mit Gesang, Instrument und Komposition zur Seite standen.

    Auch wenn einige Pointen vorhersehbar sind – die mit Witz und lockerer Erzählweise vorgetragenen Abenteuer sind teils irrwitzig und auf jeden Fall unterhaltsam. Fast kann einem Captain Blake schon etwas leid tun... Mit z.B. „Geißel der See“ sind auch wieder gute Ohrwürmer zum Tanzen und schunkeln dabei. Ein schönes Album, das man immer wieder gerne abspielt und den Hörer zu einer aberwitzigen Kaperfahrt shanghait.

    Hendrike Bode

     
    Versengold - Im Namen des Folkes

    Versengold Im Namen des Folkes Album-Cover
                • Im Namen des Folkes
                • Versengold
                • Drey Weyber
                • Paules Beichtgang
                • Ablasstanz
                • Punsch statt Putsch
                • Immer schön nach unten treten
                • Honzas Jig
                • Vom Zauber des Wildfräuleins
                • Sturmtanz
                • Die Leute des Lasters
                • Allschön die Maid
                • Kopft ihn!

    Mit ihrem inzwischen fünften Album „Im Namen des Folkes“ beweisen Versengold erneut, dass sie im Bereich Mittelalter-Folk zu den herausragenden Größen zählen.

    Es ist das erste Album, das gemeinsam in der aktuellen Bandkonstellation als Männer-Quintett erarbeitet worden ist. Bereits der Titel verspricht Folk und das Versprechen hält das Album mit seinen 13 Titeln auch. Es wartet mit mehr Irish Folk-Elementen auf als je zuvor und damit scheinen Versengold ihren Stil endgültig gefunden zu haben. Die Wahl der Instrumente ist dabei wieder famos schlicht: Flöten, Gitarren und zwei folkige Fiedeln tragen Frontmann Snorres markanten, klar verständlichen Gesang und die angenehmen Hintergrundstimmen der gesamten Band, rhythmisch untermalt lediglich von Bodhran und Percussion. Prominente Unterstützung erhielten sie dabei von Matthias Richter (Schandmaul) und Philipp Janoske (Folk Inn) an Bass und Kontrabass.

    Die CD kommt im schicken Digipack daher, das ein Booklet mit sämtlichen Liedtexten enthält. Man kommt angesichts der barbusigen Justizia auf Cover und Booklet nicht umhin, sich einen kurzen Moment lang zu fragen, ob Versengold es denn eigentlich nötig haben, nun auch auf der Sex-Sells-Welle mit zu schwimmen. Andererseits sind die Geschichten in den Liedern auch meist recht derbe. Versengold nehmen weder ein Blatt vor den Mund noch halten sie ein Feigenblatt vor die Afterballen der besungenen allschönen Maiden. Und so wird mit der armen Justizia dann auch gehörig Schindluder betrieben – wohlan, sie hat es auch nicht besser verdient: weder ist sie vollständig blind, noch nimmt sie es mit ihrer Aufgabe allzu genau.

    Es sind die liebevollen Details, die dabei wie immer den typischen Versengold-Witz ausmachen: das Ass im Gewand und die zum Meineid gekreuzten Finger der Justizia, die Paragraphenzeichen zwischen den abgedruckten Liedtexten – und natürlich nicht zuletzt die Feinheiten in den Texten selber.

    Mit viel Wortwitz und Augenzwinkern verquicken Versengold Themen und Geschichten von Halunken und Sündern, religiöse Scheinheiligkeiten, von der Obrigkeit gebeuteltes Volk, Drachen und Saufgelage mit hintersinnigen Pointen und teils bösen Wahrheiten. Ob Texte voller Poesie wie in „Zauber des Wildfräuleins“ oder derbe Doppeldeutigkeiten wie in „Drey Weyber“ – Ausnahmetalent Snorre zeigt ein Faible für geniale Wort- und Satzkonstrukte sowie besondere Versmaße. Dabei schaffen Versengold die Synthese aus cleveren Texten und eingängigen Melodien mit höchster Ohrwurmgarantie. Auf dem Album ist erneut eine große Vielfalt vertreten: flotte Sauflieder wechseln mit ruhigeren Passagen und Instrumentals, insgesamt ist alles jedoch extrem tanzbar mit einem Rhythmus, der sofort in die Beine geht. Mein persönliches Highlight: „Paules Beichtgang“.

    Sämtliche Stücke stammen dabei, wie gewohnt, aus eigener Feder. Lediglich für das russisch präsentierte „Kopft ihn“, das von der Machart offenbar an das spanische „Mein Messer“ anknüpfen soll, kommt tatsächlich zum ersten mal mit dem Klassiker „Hungarian Dance No. 5“ von Johannes Brahms ein fremdes Zwischenstück vor.

    Im Vergleich zu den Anfängen und den ersten Alben, die bereits hervorragend waren, haben Versengold inzwischen einen wahren Quantensprung hinter sich. Sie haben sich deutlich weiterentwickelt und auch verändert, haben neue Elemente hinzugefügt ohne sich jedoch von ihren Wurzeln zu entfernen und sind ihrem typischen Versengold-Humor treu geblieben. Die unbändige Spielfreude ist deutlich hörbar und das Album ist von der technischen Qualität, vom musikalischen Niveau wie auch von der Gesamtkomposition her ausgereift.

    Angesichts dieses erfrischenden Gesamtkunstwerkes fällt es schwer, sich mit Lobeshymnen zurück zu halten. „Im Namen des Folkes“ ist ein rundum gelungenes Album, welches das Prädikat „genial“ mehr als verdient hat.

    Hendrike Bode

     
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